Kleine Serie zum Buch Small talk
Woher kommt das Vorurteil?
Vielen von uns fällt es schwer anzufangen, wenn es keine Freude macht, wenn es weder dringend noch neuartig ist, wenn wir keinen Sinn darin sehen oder wenn wir überwältigt sind. Das wird als „faul“ angesehen.
Was ist dran?
Bei vielen von uns schwankt die Energie stark, und wir sind zu Zeiten aktiv, während andere schon lange im Feierabend sind. Oft wird diese Arbeit ausgeblendet, was eben dazu führt, uns dann anzutreffen, wenn wir gerade ein Energie- und /oder Motivationsloch haben. Viele Unternehmer:innen, Sportler:inenn oder Artist:innen haben ein ADHS und ihr Drive macht sie erfolgreich.
Gesellschaftlicher Irrtum
Es gibt nur ein Mass an Fleiss und das ist sichtbar.
Produktivität wird in unserer Gesellschaft wie das goldene Kalb (in der Bibel) angebetet. Selbst wenn es nur den Schein hat, produktiv zu sein, gilt es als erstrebenswert.
Beschäftigt wirken, volle Agenda, Präsentismus (viel Zeit im Büro verbringen um präsent zu wirken, aber ohne wirklich entsprechend viel zu arbeiten)
Die Zeichen mehren sich, dass das Produktivitätsdenken sich ad absurdum verrannt hat.
- Immer mehr sprechen von einer Hustle Culture, d.h. wir sind immer gehetzt, und wenn wir es mal nicht sind, tun wir trotzdem so als ob. Denn beschäftig wirken ist wie eine Ehren-Medaille, die besagt, dass man produktiv ist – obwohl es das nicht besagt und auch nicht, dass man ausgefüllt ist.
- Der Brite Tom Hodgkinson ist Herausgeber der Zeitschrift the Idler (Müssiggänger), hat eine Anleitung zum Müssiggang verfasst und erhebt den Müssiggang zur einzig richtigen Lebensform .
- Tricia Hersey hat das NapMinistry (Ministerium für Mittagsschläfchen) gegründet und ein Manifest verfasst: “Rest as resistance” (Ausruhen als Widerstand). Gerade schwarze Frauen haben aufgrund von Mehrfachbelastungen keine Zeit dazu.
- Der Mythos der Tellerwäscherkarriere wird entlarvt. Es gibt Memes dazu, wie angeblich „selfmade“ Milliardäre nur dank ihren Eltern durchgestartet sind.
- B.G.: Mama sass im selben Vorstand wie der CEO von IBM und überzeugte ihn, ein Risiko einzugehen und in das neue Unternehmen ihres Sohnes zu investieren
- J.B.: Gründete Amazon mit 300.000 Dollar Startkapital von seinen Eltern und weiteren Mitteln von einigen reichen Freunden
- W.B.: Der Sohn eines einflussreichen Kongressabgeordneten, der eine Investmentgesellschaft besass
- E.M.: Sein Vater besass eine Smaragdmine im Südafrika.
Was können wir tun?
Weniger Druck, mehr Wirkung (inspiriert von psychologeluca IG).
- Plane Pausen wie Termine. In einer Kultur, die Pausen entwertet, musst du sie aktiv schützen. Trag dir Pausen in den Kalender ein, als wären es Meetings.
- Entlarve den inneren Kapitalisten/die innere Kapitalistin. Wenn du Schuldgefühle hast, weil du nicht noch eine Aufgabe annimmst, erinnere dich: Das ist nicht „deine Schwäche“. Es sind internalisierte Leistungsideale. Ein Gegenmittel: bewusst Räume schaffen, in denen Wert nicht an Leistung gekoppelt ist.
- Gestalte digitale Entlastung aktiv. Unsere Dauerbeschallung durch Handy, Social Media und ständige Benachrichtigungen und allgemein Multi Tasking verringern die Konzentration. => Plane feste „Offline-Zeiten“ ein: bewusstes Nichtstun ohne Ablenkung trainiert dein Gehirn, wieder klare Prioritäten zu setzen, und reduziert das Gefühl ständiger Überforderung.
Selbstfürsorge ist ein starkes Gegenmittel. - Lies Slow Productivity von Cal Newport. Nicht als neues Optimierungsprojekt, sondern als Gegenentwurf. Weniger Output, mehr Tiefe. Qualität statt Dauerbeschallung. Die Idee, dass gute Arbeit Zeit braucht und Pausen kein Defizit sind, sondern Bedingung für tatsächliche Produktivität.
Wahre Selbstliebe besteht nicht in einem Schaumbad und Schokokuchen,
sondern darin, ein Leben zu gestalten,
dass ich nicht daraus fliehen möchte
(Brianna Weist)
Was geschieht, wenn wir der Lüge glauben?
Wenn wir glauben, dass wir faul sind, schätzen wir unsere Arbeit als ungenügend ein und versuchen zu kompensieren. Eine mögliche und häufige Folge ist ein Burnout.
Siehe auch den Beitrag zu ADHD und Burnout
ADHS bei Erwachsenen – Anpassung bis zum Burnout? SRF- Reportage



